Sturmschaden nach Hagelsturm in Raderthal, Köln (1898)
hochgeladen von:
Köln Reporter Köln Reporter
6926 mal angesehen.

Sturmschaden nach Hagelsturm in Raderthal


Tornado am 7. August 1898. Wer weiß, wo das Haus genau stand?

Hier ein ausführlicher Text aus der "Illustrierten Welt" von 1899: "Der Wirbelsturm in der Umgegend von Köln am 7. August 1898: Größere Wetterschäden sind in Köln außerordentlich selten, da die Gewitter in der Regel am Vorgebirge im Westen oder an den Bergischen Höhen im Osten hängen bleiben und sich austoben, ohne das zwischen beiden Höhenzügen liegende 20 bis 25 Kilometer breite Rheintal zu überschreiten. Stadt und Vororte werden in der Regel nur von den Ausläufern der Gewitter gestreift, die einige Blitze und viel Regen bringen, dann aber verschwinden. Der letzte große Sturm war im Mai 1876 gewesen.

Als aber am 7. August bei schwülem Wetter nachmittags gegen drei Uhr der Himmel sich bedeckte und strichweise Regen fiel, achtete niemand darauf; die Sonntagsspaziergänge und Ausflüge nahmen ihren gewohnten Verlauf. Aber gegen fünf Uhr ballten sich hinter dem Vorgebirge im Westen die Wolken zusammen, und trotz des scharfen Nordwestwindes wurde der Kamm zwischen Königsdorf und Liblar nur langsam überschritten.Dunkle Wolken hingen wie Vorhänge zur Erde, zwischen denen hindurch feine, Spritzwellen ähnliche Wölkchen wild durcheinander jagten und jene eigentümliche gelbrote Färbung zeigten, die Hagel und Sturm kündet. Je mehr die Wolkenmasse dem Rhein sich näherte, desto mehr schienen die herabhängenden Wolkenbänder zu Windhosen sich zu entwickeln. Plötzlich war die linke Rheinseite in Staub gehüllt, der höher und höher stieg, immer mehr sich ausdehnte und, vom Nordwestwinde getrieben, in der Mitte zwischen Köln und Bonn über den Rhein setzte, beide Ufer verhüllend. Schwere Tropfen fielen, und gleichzeitig sauste ein Hagel nieder, dessen Stücke 40 bis 50 Millimeter Durchmesser hatten. Das Zeltdach eines Rheindampfers, der gerade von dem Hagelstreifen getroffen wurde, war im Augenblick wie ein Sieb durchlöchert. Dabei brachte der Wind nur einige heftige Stöße.

Viel schlimmer hauste ein zweiter Wirbel südöstlich von Köln in dem Fabrikvororte Bayenthal auf dem linken und dem gegenüberliegenden Fischerdorfe Poll auf dem rechten Rheinufer. Um fünf Uhr wurde im Nordwesten von Bayenthal ein grauer Wolkenstreifen, wie ein schmales Band zur Erde hängend, beobachtet, wie er rasch dem Orte sich näherte und dann als wirbelnde Luftsäule alles auf seinem Wege zerstörte. Der Durchmesser des Wirbels mag kaum 200 bis 250 Meter gewesen sein, aber die festesten Gebäude hielten ihm nicht stand. Wie die umgestürzten Bäume beweisen, drehte der Wirbel aus Nordwesten über Süden nach Osten, wobei starkes Aufsteigen in der Mitte stattgefunden haben muß.Stellenweise war die Wirkung explosionsartig: massive Wände wurden von den Häusern abgerissen und in die luftleere Mitte gedrückt, genau wie bei den berüchtigten amerikanischen Tornados; auch hier wie dort wurden kleine Strecken übersprungen. Die "Kölnische Maschinenfabrik" ist am schwersten getroffen: die Sandform- und Lehmgießerei mit dem Modellschuppen, die Hauptkesselstation mit den Betriebsmaschinen und den vier großen Kaminen sind vollständig zerstört, der fünfte, 25 Meter hohe Kamin geborsten, die Montierungswerkstätte abgedeckt, die Gasfabrik demoliert, ein Gasometer aus feinem Baffin gerissen, wie eine Papiertüte zusammengeknüllt und auf ein Nachbardach geworfen. Kein Dach, kein Gebäude der Fabrik ist unbeschädigt, die mächtige, 3 Meter hohe Einfriedungsmauer ringsum niedergeworfen und ein schöner Baumgarten in einen Verhau verwandelt, wie er als Hindernis gegen Reiterangriffe wirksamer nicht geschaffen werden kann. Die ausgedehnte Fabrik bildet ein wüstes Chaos, grausiger aussehend als das Steinthorviertel von Straßburg nach der Beschießung 1870! Im Orte ist der 7 Meter hohe Holzturm der Kirche heruntergestürzt. Bei vielen ganz neuen und äußerst fest gebauten Häusern, auch den beiden massiven städtischen Schulen, sind die Dächer abgehoben, 20 bis 30 Meter weit fortgetragen, die Giebelwände herausgedrückt, fast alle Fenster vom Hagel zerschlagen und so weiter. Der Schaden der Maschinenfabrik allein übersteigt 400 000 Mark.

In zwei bis drei Minuten war das Zerstörungswerk vollendet, der Wirbel stürmte über den Rhein nach Poll, das Wasser als Gischt emporwirbelnd, der wie Dampf über den hier 450 Meter breiten Strome lag und jede Fernsicht hinderte. Eine Gruppe niedriger Fischerhäuser nicht weit vom Rhein ward niedergeworfen, fast alle Häuser bis zur katholischen Kirche verloren den ganzen Dachstuhl oder doch den größten Teil der Ziegel; der Helm des Turmes wurde aus dem massiven Mauerviereck herausgedreht, in die Luft gehoben, hier mitten über dem Dache des Langschiffes auseinandergerissen und auf beide Schrägseiten geschleudert, die zwar durchschlagen wurden, aber doch die mächtigen Turmbalken auf den Kirchplatz abgleiten ließen, so daß die Kreuzgewölbe des gotischen Baues nicht beschädigt sind. Das Pastorhaus verlor seinen Giebel, aber der eigentliche Strich lag etwas nördlicher; die Häuser am Sandberge sind zu einem wüsten Trümmerhaufen zusammengedrückt oder vollständig auseinandergerissen; von dem großen Büngerschen Tanzsaale steht nur noch ein Teil der Rückwand. Von hier wurde ein Balken gegen ein 200 Meter entferntes Haus geschleudert. Am Ausgange des Dorfes vor dem kleinen Anwesen der Witwe Beyer stand eine mächtige Ulme; sie wurde vom Wirbel aus der Erde gerissen, über den Wurzeln abgedreht, auf das Haus geschleudert und verwandelte dies in einen Trümmerhaufen. Ein siebenjähriger Knabe wurde dabei von einer Mauer erschlagen - der einzige Todesfall bei der Katastrophe, die an Wochentagen allein in der Maschinenfabrik hunderte von Arbeitern unter den Trümmern begraben hätte.

Im Striche des Wirbels fiel wenig Hagel und Regen, desto mehr nördlich davon bis einschließlich der Vororte Rippes und Kalk, hier Stücke von mehr als 1000 Gramm. Der Hagel kam aus Westen, traf also die dorthin liegenden Fenster am schärfsten. Wieviel hunderttausend Scheiben zerschlagen sind, wird sich kaum feststellen lassen; 20 bis 50 Scheiben in mittleren Häusern ist Regel. Die Fenster an der Schauseite des Hauptbahnhofes sehen aus, als hätte ein Bataillon Infanterie sie beschossen, die Flora muß über 1000 Scheiben ersetzen, die buntverglasten, nicht wie die Glasgemälde durch Drahtgitter geschützten Kirchenfenster sind wie Siebe durchlöchert.

Der Gesamtschaden im Stadtkreise Köln, nur 111 Quadratkilometer, wird eine Million Mark übersteigen. Durch Versicherung ist so gut wie nichts gedeckt, da wirkliche Hagelschäden auf diesem Gebiete fast unbekannt sind. Jeder muß also seinen Schaden selbst tragen. Für viele kleine Leute würde das den wirtschaftlichen Untergang bedeuten, weshalb die Stadtverordneten unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters Becker sofort ein Komitee für die sammlung und sachgemäße Verteilung von Gaben gebildet haben.

Auch das Bergische Land im Nordosten von Köln ist hart mitgenommen, besonders Delbrück, Bergisch-Gladbach, Bensberg und Kalk. Die Bürgermeistereien Gladbach und Odenthal (südlich von Altenberg mit dem berühmten Bergischen Dome) sind jede um mehr als 100 000 Mark geschädigt, und gerade hier sind eine Menge von Kleinbauern getroffen, denen mit der Ernte und ihrem Häuschen fast alle Mittel zum Weiterleben genommen sind. Soweit Privatwohltätigkeit nicht ausreicht, werden Staat und provinz eintreten müssen. Köln selbst wird, wenn es irgend geht, weitere Kreise nicht in Anspruch nehmen und sich selbst helfen, zumal auch im Ruhr- und Lennethale, bei Hagen, Arnsberg, Paderborn, Aachen und so weiter, das Unwetter große Schäden angerichtet hat."

Weitere Fotos von Köln Reporter