Familienwohnraum, Köln (1946)
fotografiert von:
Walter Dick Walter Dick
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Album: Kölner Kriegs- und Trümmerkinder

Kölner Kriegs- und Trümmerkinder : Familienwohnraum


Walter Dicks Fotos von Kindern in der ersten Nachkriegszeit gehören zu den eindrucksvollsten und zugleich bedrückendsten Fotografien seines Werkes. Es sind Bilder von Kindern, die in ihrem kurzen Leben Dinge gesehen und erlebt haben, die niemand und schon gar kein Kind mitmachen sollte. Es sind Kinder, die vielleicht im Luftschutzkeller geboren, sicher aber den Luftschutzkeller fast täglich oder fast jede Nacht erlebt haben. Kinder, die in ihrer Angst keinen Trost oder Hilfe bei Erwachsenen finden konnten, bei Erwachsenen, die selbst Nacht für Nacht voll Todesangst in stinkenden, dunklen Luftschutzbunkern oder Kellern hocken mussten. Kinder, die nach Bombenangriffen zerstörte Häuser und Wohnungen sahen, die zerfetzte Leichen, Verwundete und völlig traumatisierte Menschen ansehen mussten. Kinder, die erlebten, was Hunger und Durst bedeuteten. Kinder, die vielleicht ihre Väter nie gesehen hatten und auch nie sehen würden, da sie tot waren. Kinder, die fragen, warum denn die „Gefallenen“ nicht wieder aufstehen. Kinder, die wissen, was Tod bedeutet, ohne ihn zu begreifen.

Diese Kinder hat Walter Dick nach dem Ende des Krieges fotografiert, dem Ende eines Krieges, dessen Folgen sie mittragen mussten. Jetzt begann der Kampf um Nahrung, um Wohnung, um Kleidung. Wir sehen Kinder, die in Lumpen und Schuhwracks herumlaufen, Kinder, die kein eigenes Bett haben, Kinder, denen man Hunger und Not ansieht. Kinder mit Gesichtern, die von den Erfahrungen gezeichnet sind, Gesichtern, die von Krieg und Not alt und erfahren geworden sind. Und die Gefahren waren nicht vorüber. In den Trümmern wurden viele Kinder verletzt beim Spielen, beim Suchen nach etwas Nützlichem in eingestürzten Kellern und Wohnungen.

Die Kinder lebten und machten ihre Lebenserfahrungen in einer Zeit, in der Gesetze außer Kraft gesetzt waren, in denen die Grenzen zwischen „Richtig“ und „Falsch“, zwischen „Verboten“ und „Erlaubt“ aufgehoben waren. Kinder gingen „Organisieren“ oder sie waren mit dabei beim „Fringsen“, Kinder handelten auf dem Schwarzmarkt. Und sie machten bei Allem Erfahrungen, die kein Kind machen sollte.

Heinrich Böll beschreibt in „Haus ohne Hüter“ einen Jungen, fünfeinhalb Jahre alt, Heinrich Brielach, auch er im Luftschutzkeller geboren, ohne Vater, der Opfer des Krieges geworden war, der nicht mehr heimgekehrt war. Heinrich machte auf dem Schwarzmarkt „Besorgungen“. Er besorgte dort, er handelte dort, er „maggelte“ und von seinen Provisionen trug er das Kind mit bei zur Versorgung und Ernährung seiner Mutter. (Heinrich Böll; „Haus ohne Hüter“; S. 15)

Der Volksmund sagt oft ein wenig gedankenlos: “Kinder vergessen schnell!“ Können, konnten diese Kinder das Geschehene, Gesehene, Erlebte vergessen? Man müsste sie fragen, die heute zwischen siebzig und achtzig Jahren alt sind. Und dann wird man feststellen müssen, dass viele Dinge von damals nicht mehr angesprochen werden sollen, verdrängt worden sind, aber niemals vergessen.

Und doch gibt es auch Bilder der Hoffnung, des Glücks und der Freude. Kinder, die wieder in die Schule gehen, Kinder, die selig auf einem zur Rutsche umfunktionierten verkrümmten Eisenträger herunterrutschen, Kinder, die einen Stein zum Aufbau ihrer Schule mitbringen, Kinder, die sich endlich mal satt essen dürfen bei der Schulspeisung, Kinder, die mit Ferienaktionen endlich mal raus können aus dem Elend und der Not in der zerstörten Stadt.

Einen Raum wie hier zu haben, wohl in einem Keller,trocken und dicht und einen Kochherd, war damals für viele das höchste der Gefühle. In Köln war 70% des Wohnraums (in der Innenstadt 90%) zerstört. Einrichtungsgegenstände wie der Herd und das Bett daneben wurden aus den Ruinen ausgegraben. Solche Umstände waren noch bis in die 50er Jahre Normalität für viele Familen. Noch 1956, elf Jahre nach Kriegsende, war das "Entbunkerungsprogramm" der Hauptslogan der SPD bei den Kommunalwahlen.

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