Beinamputierte Kinder, Ehrenstr., 50672 Köln - Altstadt-Nord (1947)
fotografiert von:
Walter Dick Walter Dick
1955 mal angesehen.
Album: Kölner Kriegs- und Trümmerkinder

Kölner Kriegs- und Trümmerkinder : Beinamputierte Kinder

Ehrenstr. (50672 Altstadt-Nord)

Es ist nicht ganz klar, worauf sich der Name dieser Straße bezieht. Einerseits wird vermutet er verweise sich auf ein römisches Ehrentor, welches einst dort gestanden haben könnte. Andererseits lebte hier im Mittelalter eine Familie "zur Ähren", von der möglicherweise die Ehrenstraße später abgeleitetet wurde. Aus der Ehrenstraße strömte später auch demokratischer Geist in die Stadt. Dies äußerte sich - wie sollte es auch anders sein - im Karneval. 1842 gründete sich die "Allgemeine Karnevalsgesellschaft", die sich breiteren Schichten öffnen wollte, als die bisher schon existierende "Große Karnevalsgesellschaft". 1845 organisierte man gar einen Rosenmontagzug, der noch vor dem offiziell organisierten Zug den Neumarkt in Beschlag nahm.

Bei einem Bummel über die Ehrenstraße lassen sich viele kleine Läden und diverse Cafès entdecken. Die Straße endet am Hohenzollernring.


Walter Dicks Fotos von Kindern in der ersten Nachkriegszeit gehören zu den eindrucksvollsten und zugleich bedrückendsten Fotografien seines Werkes. Es sind Bilder von Kindern, die in ihrem kurzen Leben Dinge gesehen und erlebt haben, die niemand und schon gar kein Kind mitmachen sollte. Es sind Kinder, die vielleicht im Luftschutzkeller geboren, sicher aber den Luftschutzkeller fast täglich oder fast jede Nacht erlebt haben. Kinder, die in ihrer Angst keinen Trost oder Hilfe bei Erwachsenen finden konnten, bei Erwachsenen, die selbst Nacht für Nacht voll Todesangst in stinkenden, dunklen Luftschutzbunkern oder Kellern hocken mussten. Kinder, die nach Bombenangriffen zerstörte Häuser und Wohnungen sahen, die zerfetzte Leichen, Verwundete und völlig traumatisierte Menschen ansehen mussten. Kinder, die erlebten, was Hunger und Durst bedeuteten. Kinder, die vielleicht ihre Väter nie gesehen hatten und auch nie sehen würden, da sie tot waren. Kinder, die fragen, warum denn die „Gefallenen“ nicht wieder aufstehen. Kinder, die wissen, was Tod bedeutet, ohne ihn zu begreifen.

Diese Kinder hat Walter Dick nach dem Ende des Krieges fotografiert, dem Ende eines Krieges, dessen Folgen sie mittragen mussten. Jetzt begann der Kampf um Nahrung, um Wohnung, um Kleidung. Wir sehen Kinder, die in Lumpen und Schuhwracks herumlaufen, Kinder, die kein eigenes Bett haben, Kinder, denen man Hunger und Not ansieht. Kinder mit Gesichtern, die von den Erfahrungen gezeichnet sind, Gesichtern, die von Krieg und Not alt und erfahren geworden sind. Und die Gefahren waren nicht vorüber. In den Trümmern wurden viele Kinder verletzt beim Spielen, beim Suchen nach etwas Nützlichem in eingestürzten Kellern und Wohnungen.

Die Kinder lebten und machten ihre Lebenserfahrungen in einer Zeit, in der Gesetze außer Kraft gesetzt waren, in denen die Grenzen zwischen „Richtig“ und „Falsch“, zwischen „Verboten“ und „Erlaubt“ aufgehoben waren. Kinder gingen „Organisieren“ oder sie waren mit dabei beim „Fringsen“, Kinder handelten auf dem Schwarzmarkt. Und sie machten bei Allem Erfahrungen, die kein Kind machen sollte.

Heinrich Böll beschreibt in „Haus ohne Hüter“ einen Jungen, fünfeinhalb Jahre alt, Heinrich Brielach, auch er im Luftschutzkeller geboren, ohne Vater, der Opfer des Krieges geworden war, der nicht mehr heimgekehrt war. Heinrich machte auf dem Schwarzmarkt „Besorgungen“. Er besorgte dort, er handelte dort, er „maggelte“ und von seinen Provisionen trug er das Kind mit bei zur Versorgung und Ernährung seiner Mutter. (Heinrich Böll; „Haus ohne Hüter“; S. 15)

Der Volksmund sagt oft ein wenig gedankenlos: “Kinder vergessen schnell!“ Können, konnten diese Kinder das Geschehene, Gesehene, Erlebte vergessen? Man müsste sie fragen, die heute zwischen siebzig und achtzig Jahren alt sind. Und dann wird man feststellen müssen, dass viele Dinge von damals nicht mehr angesprochen werden sollen, verdrängt worden sind, aber niemals vergessen.

Und doch gibt es auch Bilder der Hoffnung, des Glücks und der Freude. Kinder, die wieder in die Schule gehen, Kinder, die selig auf einem zur Rutsche umfunktionierten verkrümmten Eisenträger herunterrutschen, Kinder, die einen Stein zum Aufbau ihrer Schule mitbringen, Kinder, die sich endlich mal satt essen dürfen bei der Schulspeisung, Kinder, die mit Ferienaktionen endlich mal raus können aus dem Elend und der Not in der zerstörten Stadt.

Wie alt mögen diese Jungens sein? Vielleicht 14 Jahre? Beide sind beinamputiert, der eine wurde vom Zugüberfahren, als er auf dem Bahndamm nach Kohlen suchte, der andere wurde von der Vorgebirgsbahn überfahren, als er aus Angst vor einer Kontrolle aus der fahrenden Bahn sprang.

Diese versehrten Kinder schlagen sich mit Schwarzhandel und Zigarettenverkäufen durch.

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