Jüdischer Friedhof

Venloer Str. 1152, 50829 Köln - Vogelsang
Errichtet: 1918 / wiederhergestellt 50er Jahre/ Eingangsbauten 1929/30


 

Friedhofsanlage

Der dem städtischen Westfriedhof benachbarte israelitische Friedhof wurde - auf einem damals noch dem Stadtteil Bocklemünd zugehörigen Gebiet - 1918 eröffnet und kontinuierlich benutzt, bis es infolge der von den deutschen Behörden seit 1941/42 systematisch betriebenen Judenvernichtung auch in Köln keine Menschen mehr gab, die hier hätten bestattet werden können; die Anlage wiederhergestellt in den 50er Jahren.

Leicht längsgestreckte, rechteckige Fläche (im Nordwesten Erweiterungsstreifen angefügt) mit durchweg gerader, rechtwinkeliger Wegeführung

Die betonte, schiefwinklig zur Venloer Straße hin ausgerichtete, von nur einem Querweg geschnittene Mittelachse ist im vorderen, d. h. südlich des Querweges liegenden, streng symmetrisch gestalteten Teil des Friedhofs besonders breit angelegt. Sie wird durch einen mittigen Rasenstreifen markiert und von mächtigen Linden gesäumt. Auf diese Achse hin zentriert stehen die Eingangsbauten, das Kriegerehrenmal von 1934, schließlich - am Querweg - das Denkmal der 50er Jahre sowie das um 1980 von dem tschechischen Bildhauer Franz Joseph Lipensky (1932-) geschaffene Denkmal, das an die Progromnacht des November 1938 und die aus den zerstörten Kölner Synagogen geretteten Reste von Thorarollen und Kultgegenständen erinnert. Diese wurden 1939 auf dem Friedhof vergraben, 1978 wiederentdeckt und an dieser Stelle bestattet.

Grabmale

Die ältesten, in den späten 10er und frühen 20er Jahren angelegten Grabstätten befinden sich im vorderen rechten Teil der Anlage (östlich der Mittelachse, südlich des Querweges). Hier stehen auf den größeren Feldern dicht gedrängt schlichte Grabmale, die in Formgebung und Material den Vorstellungen der seit etwa 1910 auch auf den christlich bestimmten, städtischen Friedhöfen allmählich sich durchsetzenden Friedhofsreformbewegung entsprechen. Die schlanke, allenfalls gut mannshohe, in der Regel kleinere Stele, gerundet abschließend und, wenn überhaupt, mit einem Relief in pflanzlichen Motiven, seltener auch des Davidsterns zurückhaltend dekoriert, ist der vorherrschende klassische Typ. Er wurde von der Reformbewegung insbesondere für einstellige Grabstätte wieder progagiert und ist mit älteren Varianten auch in der jüdischen Tradition verwurzelt. Hinzu kommen niedrige auf die Maße einer zweistelligen Grabstätte zugeschnittene Wandgräber des für die mittleren und späteren 20er Jahre charakteristischen symmetrischen, übergiebelten Typus und, relativ selten, Obelisken bzw. obeliskartige Formen.

In den Materialien zeigt sich der Einfluß der Reformer schon in dem fast gänzlichen Fehlen der polierten Granite; es überwiegen Sandsteine, Muschelkalk und "Belgischer Granit". Nicht selten ist auch der zeittypische Kunststein mit der Naturstein imitirenden Oberlächenbehandlung. An den Randwegen liegen die Familiengrabstätten mit großen, aufwenig gestalteten Wandgräbern, auch sie überwiegend aus einheimischem Naturgestein. Im hinteren rechten (nordöstlichen) Gräberfeld einige Grabsteine, überwiegend des späteren 19. Jahrhunderts, die vom israelitischen Friedhof in Niederaußem stammen und 1954 hierher versetzt wurden. Das hintere linke (nordwestliche) Gräberfeld, belegt seit ca. 1930, also auch in den Jahren der 1933 einsetzenden Verfolgung, zeigt verständlicherweise eine Vielzahl von Grabsteinen - meist kleinen Stelen - mit ausschließlich oder vorwiegend hebräischer Inschrift.

In allen Teilen des Friedhofs finden sich Grabsteine mit Inschriften, die an den Tod von jüdischen Kölnern im Exil - genannt werden z. B. London, New York, Jerusalem - oder in bzw. bei der Deportation zu den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern erinnern (z. B. "... gest. 08.02.1943 in Theresienstadt", "... umgekommen in Litzmannstadt", "... in Auschwitz ermordet", "... umgekommen 1942 - 1944 in der Deportation").

Eingangsbauten

Architekt: Robert Stern (1885-?)

Eingangsbauten eingeweiht im Mai 1930. Dreiflügeliges, symmetrisches Ensemble, zur Venloer Straße hin U-förmig geöffnet, zentriert auf die Mittelachse der Friedhofsanlage, bestehend aus

  • dem dominierenden Mittelgebäude mit der großen Trauerhalle
  • zwei niedrigeren Flügelbauten
  • von denen der linke als Leichenhaus
  • der rechte - ursprünglich auch Büroräume unfassendes Pförtner- und Gärtnerwohnhaus - heute nur noch als Wohnhaus dient
  • offenen, kolonnardenartigen Pfeilerhallen zwischen Mittelbau und Flügelbauten.

 

Alle Teile des Ensembles ursprünglich putzsichtig in sandsteinfarben-gelblichem Schabeputz, in der Nachkriegszeit mit weiß-grauem Anstrich versehen.

Nur teilweise verwirklicht wurde der geplante weiträumig die Anlage zur Venloer Straße hin abschließende Vorplatz; er hätte die schon damals vorgesehene, aber nicht durchgeführte Verlegung dieses Abschnittes der Venloer Straße zur Voraussetzung gehabt.

In Kubatur, Anordnung und Verbindung der Bauten bestehen gewisse Übereinstimmungen mit den nach Plänen von Karl Wach (1878-1952) errichteten, 1917 fertiggestellten Eingangsbauten des städtischen Westfriedhofs; stilstisch aber haben die beiden Ensembles keine Gemeinsamkeit: Bei Wach überwiegen im Gesamteindruck weiche, geschwungene und gerundete Formen einer noch barockisierenden frühen Moderne; Sterns Bauten dagegen zeigen die scharfkantig geradlinigen und rechtwinkeligen Konturen eines auf die reinen Architekturformen reduzierten, Dekorationselemente vermeidenden Neoklassizismus, wie er in den 30er Jahren in verschiedenen Varianten auftreten sollte.

Das zur Straße hin von zwei mächtigen Trauerweiden, an der Friedhofsseite von zwei hohen Pappeln flanierte Hauptgebäude hat einen hochgezogenen zentralen Baukörper von quadratischem Grundriß mit Pyramidendach, das die Rabitz-Kuppel des Innenraumes trägt und nach außen hin verdeckt. Der bekrönende Davidstern wurde 1987 rekonstruiert

Um den zentralen Block an Straßenfront und beiden Seitenfronten sind symmetrisch gruppiert niedrigere Anbauten mit Flachdächern. Davor vorspringend und etwas höher als die flankierenden Anbauten errichtet eine die Mittelpartie der Straßenfront einnehmende, vorn offene, von zwei Pfeilern gestützte Vorhalle.

Die Fassade des Hauptgebäudes insgesamt in ausgewogenem Verhältnis horizontal und vertikal gegliedert:

  • horizontal durch die Traufkanten von Anbauten mit mittigem Baukörper
  • vertikal durch dessen zentrierte Dreiergruppe hoher, schmaler Fenster, die in den seitlichen Anbauten wiederkehrt und in dem drei etwas breiteren Öffnungen der Vorhalle abgewandelt ist.

Drei hohe, schmale Fenster befinden sich auch an den übrigen Seiten des zentralen Baukörpers, an der Friedhofsseite über waagerecht flach verdachtem Portal mit zwei Ausgangsöffnungen und mittiger Nische Davor steht ein schlichter Einschalenbrunnen aus Muschelkalk .

Inneres

Im Inneren des Hauptgebäudes die große Trauerhalle, angrenzend - im Innern der Anbauten - verschiedene Nebenräume

Die großer Trauerhalle verfügt über

  • polygonalem Innengrundriß
  • pilastergeschmückten Wände
  • ist insgesamt kuppelüberwölbt

 

Sie erhielt 1987 einen Neuanstrich in der originalen Farbigkeit: wiederhergestellte Ausmalung der Kuppel als sternenübersäter, blauer Himmel in Anspielung an die Kuppel der alten Synagoge in der Glockengasse Ebenfalls wiederhergestellt bzw. ergänzt wurden die mehrfarbige Bleiverglasung der Fenster. Die Holztüren sind Holztüren original.

Die zweigeschossigen Flügelbauten haben annähernd quadratischen Grundriß und Pyramidendächer, deren Spitzen mit flachen, rechteckigen Kaminen abgeschnitten sind. Die Straßenfassaden zeigen abgewandelt das Dreifenstermotiv des Hauptgebäudes; im rechten Flügelbau die untere der mittleren Öffnungen Hauseingang mit profiliertem Sturz und gerader, flacher Verdachung; ein weiterer, ebenso gestalteter Eingang an der Westseite des Hauses; originale Eingangstüren in Holz.

Gedenkstätte

Gedenkstätte für die Gefallenen des 1. Weltkrieges, gestiftet vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, eingeweiht am 08. Juli 1934. Erhöhtes Gelände am Kopf der Mittelachse, in drei durch Bruchsteinstufen verbundenen Terrassen ansteigend. Auf der höchsten Terrasse ein Ehrenmal in Gestalt eines ca. 5 m hohen, an der Basis ca. 4,70 m breiten, flachen Prismas, das in der gewöhnlichen Perspektive, d. h. von der Ebene der Gräberfelder her betrachtet, wie eine Pyramide wirkt und in der Schroffheit seiner reinen geometrischen Form dem strengen Klassizismus der Eingangsbauten entspricht. Die große Dreiecksfläche der Hauptschauseite und die beiden Seitenflächen sind mit Muschelkalkplatten verkleidet.

Inschrift: UNSEREN / GEFALLENEN / REICHSBUND JÜD. FRONTSOLDATEN

Auf der untersten Terrasse an der linken (westlichen) Seite eine Kleinarchitektur in Muschelkalk, bestehend aus hochrechteckigen Platten mit gerade abschließenden Verdachungen. Diese sind symmetrisch angeordnet mit drei auf einem Sockel erhöht stehenden Platten als dominierender, gerader Mittelwand und durch aus je drei Platten gebildeten Seitenpartien auf dem Grundriß eines flachen konkaven Bogens. Jede der insgesamt neun Platten ist beschriftet mit den Namen von 28 Gefallenen.

An der Verdachung des Mittelteils die Inschrift:

"IN TREUER PFLICHTERFÜLLUNG STARBEN / FÜR DAS VATERLAND 1914 - 1918"

Die Verdachung der Seitenpartien sind mit hebräischen Inschriften versehen.

Dieses um 1920 geschaffene Ehrenmal, das in Material und Form an ein durch die zeitgenössische Friedhofsreformbewegung inspiriertes Wandgrab erinnert, war ursprünglich für einen Inneraum bestimmt: Es stand in der Gedenkhalle der Synagoge an der Roonstraße und wurde wohl bald nach der Zerstörung der Synagoge in der Programnacht des November 1938 auf den Friedhof hinübergerettet.

Gedenkhalle

Kleine halboffene Pfeiler-Halle auf rechteckigem Grundriß mit geschlossener Rückseite und (nach hinten leicht abfallendem) Flachdach, errichtet 1936/37. Pfeiler und Außenseiten des übrigen Mauerwerks in Schabeputz, backsteinsichtig belassen die Innenseiten der Rückwand mit den anschließenden schmalen Querbändern; hier in das Mauerwerk eingelassen 58 Fragmente von Grabsteinen des 12. - 15. Jahrhunderts, deren Herkunft die Inschrift (MetallSchriftzeichen) auf dem Architrav der Halle mitteilt:

"ERINNERUNGS- UND RUHESTÄTTE DER TOTEN DES ÄLTESTEN / BIS 1695 BENUTZTEN KÖLNER JÜDISCHEN FRIEDHOFS AM BONNTOR".

Inmitten der Halle steht ein Säulenfragment aus der mittelalterlichen Kölner Synagoge. Der mittelalterliche Begräbnisplatz der Kölner Juden (volkstümlich: "Judenbüchel", Zum duude Jüd") war 1922 wiederentdeckt worden bei Baggerarbeiten im Zuge der Erweiterung des Güterbahnhofs Bonntor. Die ältesten Grabsteine, zunächst eingelassen in die Einfriedungsmauer des auf der Dreiecksfläche zwischen Raderberger Straße und Bischofsweg neu geschaffenen kleinen Friedhofs, wurden, als dieser 1936 beseitigt wurde, weil die Stadt das Gelände für den Bau der neuen Großmarkthalle beanspruchte, mitsamt den 1922 gefundenen und neu bestatteten Gebeinen auf den Friedhof in Bocklemünd überführt.

Denkmal

Denkmal, errichtet um 1955 in Kunststein.

Auf dreistufigem, flachem Unterbau (Basaltlavastufen) ein ca. 5 m hoher schlanker, oben gerade abschließender Pfeiler, flankiert von zwei niedrigen quadratischen Platten mit profilierten Rändern und zentrierten quadratischen Metalltafeln; auf diesen links eine hebräische, rechts folgende deutsche Inschrift:

ZUM ANDENKEN AN DIE UEBER 11000 / SCHWESTERN UND BRUEDER UNSERER GEMEINDE / DIE ALS OPFER DES NATIONAL- / SOZIALISTISCHEN RASSENWAHNS / FUER DAS JUDENTUM IN DEN JAHREN / 1933 - 1945 / GEFALLEN SIND / SYNAGOGEN GEMEINDE KOELN.

 Der Mittelpfeiler an der Hauptschauseite vertikal gegliedert und stark hervortretende Rippen; die Rippung unterbrochen, im oberen Drittel durch das Relief eines kreisrund umrandeten Davidsterns, im unteren Drittel durch eine (noch in den 50er Jahren) nachträglich angebrachte quadratische Platte im Material des Denkmals innerhalb gegossener hebräisch-deutscher Inschrift deren deutscher Teil folgendermaßen lautet:

UNSEREM LETZTEN VON 1908 - 1942 / AMTIERENDEN RABBINER DR. ISIDOR CARO / DER MIT VIELEN GEMEINDEMITGLIEDERN DEN MÄRTYRERTOD IN THERESIENSTADT FAND / IN DANKBARER VEREHRUNG / SYNAGOGEN GEMEINDE KÖLN.

 

Das o. g. Objekt ist ein Baudenkmal im Sinne von § 2 Abs. 1 und 2 des Denkmalschutzgesetzes (DSchG NW). Das für die Qualifizierung als Baudenkmal notwendige öffentliche Interesse ist gegeben, da dieses Denkmal sowohl bedeutend für die Geschichte des Menschen und für Städte und Siedlungen ist als auch künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Gründe für seine Erhaltung und Nutzung vorliegen. Das ergibt sich aus Folgendem:

Die in ihren Ursprüngen bis in die Römerzeit zurückreichende mittelalterlich israelitische Gemeinde Kölns ging unter, als der Rat 1423/24 die Juden "auf ewige Zeiten" aus der Stadt auswies. Erst 1798, dank der Revolution in Frankreich und der französischen Besetzung der Rheinlande (1794), durften Juden wieder in Köln ansässig werden. Noch das ganze 19. und frühe 20. Jahrhundert hindurch besaß die 1801 neu gegründete israelitische Religionsgemeinschaft und spätere Synagogengemeinde Köln keinen eigenen Begräbnisplatz: Der Friedhof der mittelalterlichen Gemeinde am volkstümlich sog. "Judenbüchel" ("Zum duude Jüd") existierte nicht mehr; und über die Anlage eines neuen Friedhofs sind Verhandlungen der Synagogengemeinde mit den zuständigen Instanzen der kommunalen und staatlichen (preußischen) Verwaltung aus verschiedenen Gründen wiederholt gescheitert, bis schließlich im Jahr 1920, also bald nach der Einweihung des städtischen Westfriedhofs (1917) im damaligen Stadtteil Bocklemünd, auf dem westlich angrenzenden Gelände der israelitische Friedhof eröffnet werden konnte. Die nach dem Holocaust einzige noch benutzte jüdische Begräbnisstätte in Köln ist, wie oben im einzelnen dargelegt, mit ihren Grabmalen, Denkmälern und Bauten ein hervorragendes Zeugnis jüdisch-deutscher Geschichte und Kultur. Zudem setzt die qualitätvolle Architektur des Eingangsbereichs, benachbart den Bauten des kommunalen Westfriedhofs, einen starken städtebaulichen Akzent an der Ecke Venloer Straße/Militärringstraße.

Referenz: 8939


Das Denkmal hat die Nummer 3725 und ist seit dem 8. September 1986 geschützt.

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