Schulgebäude Spichernstraße

Spichernstr. 54-56, 50672 Köln - Neustadt-Nord

errichtet 1899 - 1900

Architekt: Friedrich Carl Heimann(1850 - 1921)

1993 - 1995 restauriert und zu einem Büro- und Schulungsgebäude umgebaut.

  • Dreigeschossige Dreiflügelanlage mit Satteldach und eingeschossigem, leicht zurückspringenden Mittelbau mit sehr flachem Pultdach zwischen den beiden Seitenflügeln
  • Fassaden über Basaltlavasockel backsteinsichtig mit Bänderungen und Gliederungen aus Sandstein in Anklängen an Stilformen der Gotik und Renaissance, Ziermaueranker
  • Straßenfassade axialsymmetrisch angelegt; eingeschossiger Mittelteil mit 3 großen Fensteröffnungen zwischen Lisenen und erneuerter bekrönender Brüstung
  • Giebelseiten der beiden Seitenflügel durch Treppengiebel betont, je 3 Achsen,
  • Hauseingänge in den zum Mittelteil hin orientierten Achsen,
  • 2 originale Haustüren oberhalb von Treppen in kreuzgewölbten Jochen zurückliegend
  • Äußere Seitenfassaden mit polygonal vortretenden Risaliten der Treppenhäuser mit mittigen Eingängen
  • Rückwärtige Fassade des Hauptflügels mit 12 Achsen
  • Tür- und Fensteröffnungen stichbogig bzw. rechteckig, teilweise rechteckig mit stichbogigen Überfangbögen
  • im Sockelgeschoß hochrechteckige gekuppelte Fenster
  • Türen der Seiteneingänge und Fenster in historischen Formen erneuert.
  • hohes erneuertes Satteldach mit Schieferdeckung über Haupt- und Seitenflügeln,
  • seitlich niedrigere polygonal abgewalmte Zwerchdächer über den Treppenhausrisaliten
  • erneuerter Dachreiter mit offener Bogenstellung, glockenförmigem Dach und Laterne auf oktogonalem Grundriß in der Mitte des Hauptflügelfirstes
  • im Dachgeschoß erneuerte Schleppgauben
  •  rückseitig neue Dacheinschnitte, im Spitzboden neue dreieckige Belüftungsluken
  • Treppenhausdächer mit neuen Dachflächenfenstern

 

Im Inneren durch Umnutzung zu Schulungs- und Bürozwecken teilweise verändert

  • (neue Raumaufteilung und Einbau eines Aufzugs im rechten Seitenflügel,
  • Einbau zusätzlicher Wände im 1. und 2. OG. 

Original erhalten bzw. wiederhergestellt:

  • Raumaufteilung in UG und EG weitgehend
  • hallenartiger Flur mit Mittelpfeilern und steinsichtigen Wänden im UG
  •  Raumsituation der ehemaligen Rektorwohnung im linken Seitenflügel mit Holztreppe zwischen EG und 2. OG
  •  Mosaikfliesenboden im Eingangsbereich des EG
  •  in den Haupttreppenhäusern Natursteintreppen, Werksteinböden und schmiedeeiserne Treppengeländer mit Holzhandläufen.

 

Das o. g. Objekt ist ein Baudenkmal im Sinne von § 2 Abs. 1 und 2 des Denkmalschutzgesetzes (DSchG NW). Das für die Qualifizierung als Baudenkmal notwendige öffentliche Interesse ist gegeben, da dieses Denkmal sowohl bedeutend für die Geschichte des Menschen und für Städte und Siedlungen ist als auch künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Gründe für seine Erhaltung und Nutzung vorliegen. Das ergibt sich aus Folgendem:

Die Kölner Neustadt, die seit 1881 bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts unter Hermann Josef Stübben (1845-1936) als Stadtbaumeister und nach seinen Plänen halbkreisförmig um das alte Stadtgebiet angelegt worden ist, gilt als eine der bedeutendsten Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts. Sie entstand von Anfang an nicht als einheitlicher Stadtteil, sondern als Gefüge verschiedenartiger Wohnviertel entlang der Ringstraße als repräsentativem Boulevard.

Der Baublock Kaiser-Wilhelm-Ring, Hermann-Becker-Straße, Erftstraße, Spichernstraße und Gladbacher Straße - ursprünglich mit teilweise sehr repräsentativen gründerzeitlichen Häusern bebaut - erhielt seit 1930 durch die fortschreitende Neubebauung fast des gesamten Areals durch die Allianz seine heutige städtebauliche Prägung.

Die in den Komplex heute einbezogene ehemalige Volksschule Spichernstr. 54 - 56 stellt eines der wenigen aus der Erstbebauungszeit erhaltenen Gebäude dar. Sie wurde 1899/1900 nach Plänen des damaligen Kölner Stadtbaumeisters Friedrich Carl Heimann (1850 - 1921) errichtet. Heimann trat zwar relativ wenig als entwerfender Architekt in Erscheinung, wurde aber durch einige weitere Schulen, darunter auch die Handelsrealschule, heute Hansagymnasium am Hansaring, den Neubau des Stadtarchivs am Gereonskloster und das Justizgebäude am Appellhofplatz bekannt.

Die Schule ist stilistisch einer vor der Jahrhundertwende im Rheinland sehr populären Spielart des Historismus zuzuschreiben, die von niederländischer Architektur der Gotik und Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts beeinflußt wurde.

Das Gebäude zeichnet sich als besonders repräsentative Anlage mit aufwendiger Fassadengestaltung aus. Die Schauseite zur Straße hin wird durch die Giebelfassaden der beiden Seitenflügel charakterisiert, deren vertikale Ausrichtung durch die steilen Treppengiebel und die geschoßübergreifenden Überfangbögen der Fenster im ersten und zweiten Obergeschoß gesteigert wird. An diesen beiden Giebelfassaden konzentrieren sich auch die Schmuckformen.

Die Sandsteingliederungen in Form von profilierten Tür- und Fenstergewänden, Fensterkreuzen, Brüstungen mit gotisierendem Blendmaßwerk oder Scheitelsteinen im Stil der Renaissance werden bereichert durch Ziermaueranker mit ornamental gestalteten Ankersplinten und Rundmedaillons - ursprünglich nur im linken Seitenflügel - mit dem alten doppelten Reichsadler und dem Kölner Stadtwappen.

Die übrigen Fassaden werden durch die Treppenhausrisalite bzw. die Fensteranordnungen belebt. Den Hauptflügel gliedern auf der Straßenseite schmale zusammengezogene Fenster in den Obergeschossen, auf der Rückseite gleichmäßig entsprechend der inneren Raumanordnung der ehemaligen Klassenräume zwölf in Dreiergruppen die Fläche rhythmisierende Fensterachsen.

Dem schlichteren Charakter entsprechend sind rückseitig die Sandsteinbänderungen auf wenige geschoßtrennende Streifen in Sohlbankhöhe der Fenster reduziert. Anstelle der aufwendigeren Natursteingliederungen der Straßenseite, die bis einschließlich der seitlichen Risalite fortgesetzt ist, treten im zweiten Obergeschoß Konsolgliederungen aus Backstein und verputzte Brüstungsfelder sowie einige Wappenfelder und auch hier Ziermaueranker.

Die repräsentative straßenseitige Fassadengestaltung, zu der auch der eingeschossige Mittelteil zwischen den Seitenflügeln mit seiner bekrönenden Brüstung maßgeblich beiträgt, erfährt erst durch die Anwendung auf den dreiflügeligen Bautypus ihre eigentliche Geltung. Zum einen wird dadurch eine weitere Differenzierung und Vielansichtigkeit des Baukörpers erreicht, zum anderen steigert die symmetrische architektonische Lösung den palastartigen baulichen Charakter. Die Verbindung zwischen einer dem Schloßbau verpflichteten Architektur und öffentlicher Profanarchitektur war beabsichtigt und sollte offenbar den Unterschied zwischen "Schulkaserne" und "Schulpalast" verdeutlichen.Die beiden Begriffe, kennzeichnen einen Wandlungsprozeß, dem die deutsche Volksschule um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert ausgesetzt war und der sich auch in veränderten Lehrmethoden und deren Ablesbarkeit im Raumprogramm der Schulgebäude äußerte.

Während die Schulen bisher fast ausschließlich Klassenräume und Lehrerwohnungen enthalten hatten, die für einen einseitigen Frontalunterricht bezeichnend waren, besaß die Volksschule Spichernstraße als eine der ersten in Köln außer den Klassenzimmern nur Lehrer- und Lehrerinnenzimmer anstelle von -wohnungen und nur eine Rektor- und eine Schuldienerwohnung, zusätzlich aber einen Gesangssaal, naturwissenschaftliche und physikalische Sammlungsräume, Bücherei und Lesehalle sowie eine Turnhalle im straßenseitigen Mittelteil. Anschauungsunterricht, Bildung weiterer Bevölkerungskreise und körperliche Ertüchtigung spielten ebenso eine zunehmende Rolle im Schulwesen wie Hygienevorstellungen, die sich in der Anlage von Brausebädern im Untergeschoß des Gebäudes ablesen lassen.

Insgesamt veranschaulicht das repräsentativ angelegte Schulgebäude Spichernstr. 54 - 56 deutlich die Darstellungsabsicht und den Bildungsanspruch städtischer Architektur um die Jahrhundertwende. Es ist deshalb sowohl für die architekturhistorische wie sozialgeschichtliche Entwicklung seiner Entstehungszeit ein wichtiges Zeugnis, das unbedingt erhaltenswert ist.

In städtebaulicher Hinsicht weist die zwar stets in das Blockgefüge eingebundene, wenn auch ursprünglich in ihrer Wirkung doch unwesentlicher als heute durch die unmittelbar herangerückte Nachbarbebauung beeinträchtigte Schule als eines der wenigen erhaltenen Gebäude der Gründerjahre der Kölner Neustadt auf die ehemaligen stadträumlichen Strukturen hin.

Referenz: 8262


Das Denkmal hat die Nummer 141 und ist seit dem 1. Juli 1980 geschützt.

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