Tankstelle

Deutz-Kalker Str. 103, 50679 Köln - Deutz

errichtet 1959

Architekt: Herbert Baumann

Die 1959 von dem Kölner Architekten Herbert Baumann geplante Tankstelle ist ein Baudenkmal im Sinne von § 2 Abs. 1 und 2 des Denkmalschutzgesetzes (DSchG NW). Das für die Qualifizierung als Baudenkmal notwendige öffentliche Interesse ist gegeben, da dieses Denkmal sowohl bedeutend für die Geschichte des Menschen und für Städte und Siedlungen ist als auch künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Gründe für seine Erhaltung und Nutzung vorliegen. Das ergibt sich aus Folgendem:

Das Auftreten der Tankstelle als eigener Bautypus kennzeichnet den Zeitpunkt in der Geschichte des Menschen, an dem der Individualverkehr mit dem privaten Kraftfahrzeug vom Privileg einiger weniger zum allgemein wahrgenommenen Recht vieler wird. In einer Großstadt wie Köln ist ein solcher Vorgang überaus deutlich und beispielhaft zu beobachten. In der Vorkriegszeit war die Tankstelle eine den Mietstellen und Wechselstellen für Zugpferde weithin gleichberechtigte, architektonisch meist nicht als eigenständig definierbare Versorgungsstation.

In den 50er Jahren dagegen wird das Pferd aus dem Verkehrswesen fast vollständig verdrängt. Die freiwillige und, mehr noch, wirtschaftlich erforderliche bzw. zunehmend erzwungene Mobilität

  • Verlegung von Wohnfunktionen in die Außenbezirke der Großstädte
  • größere Veränderlichkeit von Arbeitsverhältnissen etc.

 

fördern die Benutzung des Autos ebenso stark wie der wachsende, allgemeine Wohlstand, der für wachsenden Freizeitverkehr sorgt. Die Versorgung der Vielzahl von Fahrzeugen muß an möglichst vielen Stellen, vor allem wie hier an Ausfallstraßen, gesichert sein. Darüber hinaus unterliegt das Angebot an Kraftstoff zunehmend Wettbewerbsbedingungen:

  • ansprechendes Äußeres,
  • weithin zur Straße erkennbarer, werbender Signalcharakter 
  • Zusatzleistungen
  • Kfz-Service,
  • Zubehör,
  • Reiseutensilien und -proviant

 

bekommen erhöhte Bedeutung, die sich auf die Form der Gebäude auswirkt.

Die hier realisierte Bauform verdeutlicht die aufgezeigten, historischen Bedeutungskriterien auf künstlerische, ausdrucksstarke Weise. Dynamisch ist die eingeschossige Anlage der vorbeiführenden Straße und der einschwingenden Zufahrt zugeordnet.

Im Zentrum steht der Kassenraum. Stumpf nach hinten abgewinkelt - und damit den Vorbeifahrenden beider Fahrtrichtungen zugewendet - sind die beiden symmetrisch angeordneten Flügeltrakte mit Büro und Lager sowie zwei etwas höhere, pavillonartige Hallen (Werkstatt und Ausstellungsraum). Zentrale, signalartige Mittenbetonung der weiß gekachelten Gebäude ist das mit drei aufstrebenden Spitzen fast zehn Meter weit flügelartig frei ausschwingende Kragdach über der Durchfahrt mit den ehemaligen Tanksäulen.

Dieses Dach, frontal gesehen einem schwimmenden Flügelrochen nicht unähnlich und auf jeden Fall organisch aufgefaßt, steht in der gestalterischen Tradition anderer, singulärer Bauten mit Signalfunktion

  • Le Corbusier, Ronchamp, 1950-54;
  • Kongreßhalle Berlin, 1957, Stubbins;
  • Utzon, Opernhaus Sydney, 1957

 

und funktional in derjenigen weit vorkragender Dächer und Dachschalen vor öffentlichen Bauten mit großem Publikumsverkehr dieser Jahre (neue Botschaftsgebäude, Banken, Universitäten, Ausstellungspavillons u.a.).

Gleichzeitig stellt das Kragdach der Tankstelle eines der wichtigen, denkmalwürdigen Beispiele der gestalterischen Erprobung technisch neuer Errungenschaften der Zeit dar: Es ist eine freitragende, einseitig verankerte, dünne Pseudo-Schalenkonstruktion aus Stahl und Beton, die als direkter Vorläufer der echten Spannbeton-Bauweise Seltenheitswert besitzt.

Die Kombination der geometrisch geprägten Gruppierung der pavillonartigen, großzügig und luftig durchfensterten Gebäudeteile in der Tradition der Lehren des Dessauer Bauhauses mit einer organisch anmutenden Flügeldachform ist genuiner Ausdruck zeitgenössischer Architekturauffassung, für die im Kölner Stadtbereich zahlreiche Parallelbeispiele gefunden werden können.

Städtebauliches Einzelmonument bleibt die Tankstellenanlage ganz allgemein bis heute durch ihre Funktion; zumeist an großen Ausfallstraßen oder Ortsrändern gelegen, bleiben sie bis auf wenige Ausnahmen (Integration in größere Innenstadtgebäude, die häufig auch Parkhäuser sind) auch wegen der Geräuschentwicklung in diesen Gewerbebetrieben Einzelbauten, die zwischen urbaner Architektur und funktionalem Industriebau angesiedelt sind.

Unter diesen ist das hier bewertete Beispiel einer der seltenen, überzeugend gelungenen und, leider, bis heute kaum übertroffenen Versuche, diese Bauaufgabe baukünsterlisch und ästhetisch qualitätvoll, funktional befriedigend und städtebaulich harmonisch zu lösen.

Referenz: 3054


Das Denkmal hat die Nummer 1219 und ist seit dem 6. Dezember 1982 geschützt.

Denkmal <Tankstelle> bearbeiten
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